Bergungen


Grundsätze

EXOTISCHE BEISPIELE – Fundstücke aus einer Klosterbegehung in Ladakh/Indien
EXOTISCHE BEISPIELE – Fundstücke aus einer Klosterbegehung in Ladakh/Indien

Fundstücke werden zu Installationen

 

Der Wirkung neo-archäologischer Bergungen kann sich niemand entziehen.

 

Banale, oft zusammenhanglos und bedeutungslos im durchsuchten Raum liegende Fundstücke werden durch ihre Zusammenführung neu belebt. Dies kann durch bewusste Legung oder fast rituell vollzogene Bündelung geschehen. So entfalten sie etwas Phantastisches, Surreales, Magisches, Geheimnisvolles.

 

Die größte Faszination üben für mich dabei verrostete, verwitterte Metallgegenstände aus – denn gerade sie sind mit hohem handwerklichen und energetischen Aufwand im Feuer formbar gemacht und kunstvoll ihrem Verwendungszweck entsprechend geschmiedet worden.

 

Je nachdem, ob die Gegenstände im aufgegebenen urbanen bzw. industriellen oder im ländlichen Raum geborgen wurden, erzählen sie unterschiedliche Geschichten.

 


Die Tulsyab-Bergung – 2020

STRASSENSZENE IN TULSAYAB – Privatvillen an der einen Straßenseite, Mangrovendschungel an der anderen.
STRASSENSZENE IN TULSAYAB – Privatvillen an der einen Straßenseite, Mangrovendschungel an der anderen.

Der Ort: Tulsayab / Quintana Roo / Mexiko

 

Die Situation:

Die kleine Halbinsel Tulsayab liegt etwa 25 Kilometer nördlich des beliebten Badeortes Tulum an der Karibikküste des mexikanischen Bundesstaates Quintana Roo. Da hier der Strand schmal und steinig ist, blieb die Gegend von umfassender touristischer Nutzung verschont.

Die örtlichen Gegebenheiten sind sehr speziell: Eine schmale, unbefestigte Straße verläuft parallel zur Küste. Auf der Seite zum Meer ist ein schmaler Streifen Land mit einer einzelnen Reihe Privatvilllen oder kleiner Apartmenthäusern bebaut worden. Auf der Seite zum Landesinneren reicht ein Mangrovensumpf bis unmittelbar an die Straße.

Bedauerlicherweise wurde in den Mangrovensumpf viel Abfall entsorgt. Andererseits bestand an zwei Stellen der Unrat nicht nur aus Haushaltsabfällen, sondern aus Bauschutt von alten Gebäuden, die abgerissen und durch modernenre ersetzt wurden.

Jede Bergung beginnt im Grunde planlos, denn sie ist unmittelbar abhängig von der jeweiligen Fundsituation. Und bisweilen bedarf es durchaus einiger Versuche, bis eine Bergung an Identität gewinnt.

Im Fall Tulsayab erwies sich der Bauschutt als durchsetzt von großen Mengen von Draht verschiedenster Qualitäten, der je nach dem ihm in der Vergangenheit zugedachtem Nutzen individuell gebogen, geknotet, geflochten, gewickelt worden war.

So konzentrierte sich die Bergung  auf diese Drahtstücke – und mein neo-archäologisches Arrangement auf einem schmalen, etwa 2 Meter hohem am Strand angespülten Holzbrett feiert diesen faszinierender Formenreichtum.

Und: Das kleine Art-Hotel "Casa Luna" hat diese Stele als Ausstellungsstück für den Gartenbereich erworben.

 


Die Bärnau-Bergung – 2020

KÜHNES SANIERUNGSPROJEKT – das so genannt "Zintl-Haus" in Bärnau
KÜHNES SANIERUNGSPROJEKT – das so genannt "Zintl-Haus" in Bärnau

Der Ort: Bärnau / Oberpfalz / Deutschland

 

Die Situation:

In der oberpfälzer Kleinstadt Bärnau, nahe an der tschechischen Grenze, steht am Dorfplatz seit 30 Jahren ein Haus leer, das im Volksmund "Zintl-Haus" genannt wird. Es gilt als eines der ursprünglichsten Gebäude des Ortes mit einer bis ins späte Mittelalter zurückreichenden Geschichte.

Um es vor dem endgültigen Verfall zu bewahren, hat sich eine Initiative gegründet, der "Ackerbürgerhaus Bärnau e.V." In Eigenleistung wird dieses Gebäude zur Zeit entkernt, bevor man mit der eigentlichen Sanierung beginnen kann. Ziel ist es, einen Ort für Kreativräume, ein Heimatmuseum, einen Kulturhof und vor allem eine Mitmachbrauerei zu schaffen.

Im Oktober 2020 stellte sich die Situation so dar: Die Räume sind bereits entrümpelt und es werden gerade die Dielenböden geöffnet, um darunter befindliche Strukturen freizulegen. Dabei zeigt sich in den Obergeschoßen, dass die Hohlräume zwischen den Böden und den darunter liegenden tragenden Balken mit kaputtem Hausrat aufgefüllt worden sind.

Das Besondere: Diese Abfälle bestehen zu einem erstaunlich großen Teil aus zerbrochenem Geschirr und aus unzähligen Flaschen. Und bei diesen Flaschen handelt es sich nicht, wie man annehmen könnte, um Bier- oder Weinflaschen, sondern um kleine Arzneiflaschen in verschiedensten Größen, Farben, Designs und Etikettierungen. Was für eine Geschichte wird so erzählt?

Um die Akteure vor Ort für meine Methode zu interessieren, wurden eine zweistündige Begehung, Bergung und neo-archäologische Präsentation vorgenommen. Die Arrangements wurden vor Ort zur Begutachtung hinterlassen. Eine weitere Zusammenarbeit wäre optimal.

 


Die Zichlionta-Bergung – 2020

ZICHLIONTA BEACH – ein menschenleerer Aktionsort
ZICHLIONTA BEACH – ein menschenleerer Aktionsort

Der Ort: Zichlionta Beach / Lesbos / Griechenland

 

Die Situation:

Der Strand von Zichlionta liegt vollkommen einsam im kargen Nordwesten der Insel, abseits der alten Landstraße von Eresos nach Sigri. Er mag stellvertretend für so viele andere Strände stehen als eine Grenzberichs-Fundstätte für angespültes Treibgut vom Meer und Hinterlassenschaften menschlicher Nutzung im Hinterland.

 

Das Besondere:

Diese Bergung war eine Gemeinschafts-Aktion mit der französischen Umweltaktivistin und preisgekrönten Eco-Designerin Katell Gélébart. Das heißt, es wurden parallel zwei Bergungen mit ganz unterschiedlichem Ansatz vollzogen. Beginn war eine Phase intensiven und ohne jegliche Vorauswahl vollzogenen Sammelns. Erst dann wurde entschieden, worauf sich der Fokus richten sollte.

 

Katell Gélébart beschloss, sich ausschließlich dem Material Holz zu widmen und es nach verschiedenen Kriterien zu sortieren: Abgeschliffenes Treibholz, Holz mit menschlichen Bearbeitungsspuren, Holz mit Rost- oder Farbresten, Rinden, von Insekten verändertes Holz, Rinden und Wurzeln. Entsprechend dieser Sortierung wurden die Holzstücke in einer bewussten Legung am Strand arrangiert.

 

Ich beschloss nach meiner Methode der neo-archäologischen Bergungen vorzugehen und war in meiner Auswahl viel breiter: Metallstücke, Knochen, Glas, Holz. Diese Fundstücke wurden dann in sechs Legungen am Strand arrangiert. Danach wurden zwei der Legungen zu Stelen verdichtet, am Strand aufgerichtet und mit den vier Legungen so hinterlassen.

 

Schlussbemerkung: Angeschwemmte Plastikteile entbehrten jeglicher Posie oder Magie und wurden nicht verwendet.

 


Die Aschheim-Bergung – 2020

VERGESSEN – die aufgegebene Bahnlinie
VERGESSEN – die aufgegebene Bahnlinie

Der Ort: Aschheim bei München / Bayern

 

Die Situation

Südwestlich der Gemeinde Aschheim verläuft die Trasse einer seit Jahrzehnten aufgegebenen Eisenbahnlinie. Deren Gleise und Schwellen sind längst verschwunden, aber die Schottersteine des ehemaligen Unterbaus zeichnen dern Verlauf der Strecke bis heute nach. In der Nähe des Autokinos von Aschheim quert wie früher eine Nebenstraße auf einer Brücke die alte Bahnlinie. Dieser alte Kreuzungspunkt wurde als Ort für eine Begehung und Bergung gewählt.

 

Wie so oft war auf den ersten Blick außer einigen Glasscherben nichts Auffälliges wahrzunehmen. Doch nach und nach fanden sich zwischen den Schottersteinen Dinge wie abgebrochene Flaschenhälse und zahlreiche Metallstücke, die nach Jahren des hier Liegens allerdings stark verrostet und brüchig waren.

 

Auffallend war, dass es sich bei den Metallstücken überwiegend um Reste von Konservendosen handelte. Dies könnte der Hinweis auf eine Umnutzung der Unterführung als Lagerplatz sein, an dem diese Dosen geöffnet, über einem Feuer erwärmt, geleert und dann beiseite geworfen wurden.

 

Die Fundstücke wurden auf einem Brett ausgelegt und danach zu einem neo-archäologischen Ensemble verdichtet arrangiert. Das Ensemble wurde vor Ort zurückgelassen.

 


Die Ballytrent-Bergung – 2019

BALLYTRENT HOUSE – vom Meer her gesehen
BALLYTRENT HOUSE – vom Meer her gesehen

Der Ort: Ballytrent House / Rosslare Harbour / Co. Wexford / Irland

 

Die Situation:

Ballytrent House ist ein 280 Jahre altes viktorianisches Herrenhaus, unmittelbar an der Südostküste Irlands gelegen. Das Besondere daran: Was sich heute als ein verwunschener, von zwei seltsam kreisrunden Erdwällen umgebener Park darbietet, war zur Bronzezeit ein wehrhaftes Ringfort, das man in Irland "Rath" nennt.

 

Innerhalb dieses Parks gab es eine kleine Gärtnerei, in dessen Glashäusern Blumen, vor allem aber Gemüse für die Versorgung der Küche gezogen wurden. Diese Gartnerei allerdings wurde bereits vor Jahrzehnten aufgegeben, die Glashäuser sind bis auf die Grundmauern verschwunden, nur ein Raum für Werkzeug und Gartengeräte hat sich erhalten – ein an rostigen, verstaubten, zum Teil verschimmelten Gegenständen reicher Ort.

 

Die Fundstücke wurden geborgen, nur vorsichtig gereinigt und vor dem Geräteraum in drei Legungen arrangiert. Diese Legungen wurden anschließend dem Raum zurückgegeben.

 


Die Eresos-Bergung – 2019

LESBOS - im rauhen Nordwesten der Insel
LESBOS - im rauhen Nordwesten der Insel

Der Ort: Eresos / Insel Lesbos / Griechenland

 

Die Situation:

Eresos ist das größte der drei weit auseinander liegenden Dörfer im rauen Nordwesten der griechischen Insel Lesbos. Die Umgebung bietet nur karges Weideland für Ziegen und Schafe. Kennzeichen der Region: Viele verlassene Bauernhäuser, etliche von ihnen liegen direkt am bergseitigen Ortsrand von Eresos.

 

Da die Häuser entweder vollkommen verfallen oder aber versperrt waren, galt das Augenmerk der unmittelbaren Umgebung der Gebäude. Drei Häuser wurden ausgewählt. Was würde sich dort finden lassen? Die Fundstücke dokumentieren dann die ungeminderte Wildheit des Lebensraumes. Da nur im Außen gesucht werden konnte, blieben zurückgelassene persönliche Gegenstände unzugänglich.

 

Die Fundstücke wurden erst nach Art der Materialien sortiert und dann in sorgsamen Legungen Haus 1, Haus 2 und Haus 3 zugeordnet. Am Ende der Aktion wurden die Legungen an einer Mauer am bergseitigen Ortsrand von Eresos dem freien Raum zurückgegeben.

 


Die Stückle-Bergungen – 2011-2013

LANGSAMER VERFALL – die Hütte in einem Stückle
LANGSAMER VERFALL – die Hütte in einem Stückle

Die Orte: Esslingen und Plochingen / Baden Württemberg

 

Die Situation:

Seit Generationen gehört das "Stückle" oder "Gütle" zur Alltagskultur der schwäbischen Heimat. Früher dienten diese Kleingrundstücke im stadtnahen Umland den Familien als intensiv bewirtschaftete Anbauflächhen für Obst und Gemüse.

 

Heute werden die "Stückle" mehr und mehr als Freizeit-Gärten umgenutzt. Und viele der "Stückle" – gerade jene an steilen Hängen – liegen brach. Die Flächen verwildern, die Hütten verfallen. Zeugen einer verloren gegangenen Lebensart. Ein Kulturphänomen verliert sein ursprüngliches Gesicht oder geht unter. Da fast ein Dutzend Begehungen in dieser Region vollzogen wurden, war die Ausbeute an Fundstücken hier besonders groß und beispielhaft vielgestaltig.

 

 


Die Flussufer-Bergungen – 2016 und 2018

UNBEGRENZTE FLÄCHE – Steine und Kies so weit das Auge reicht
UNBEGRENZTE FLÄCHE – Steine und Kies so weit das Auge reicht

Die Orte: Leitzach / Bayern und Taliagmento / Friaul / Italien

 

Die Situation an der Leitzach

Dies war das Experiment einer radikalen Reduktion: Was lässt sich bei sommerlichem Tiefstand des Wassers auf einer Kiesbank an einem Gleithang des kleinen oberbayrischen Flusses Leitzach bergen? Auf den ersten Blick eigentlich gar nichts. Doch je intensiver die Aufmerksamkeit, die Konzentration und die Wahrnehmung wurden, umso mehr Fundstücke boten sich doch dar. Die Maße der Kiesbank: 11,80 Meter Länge und maximal 3,80 Meter Breite. Dauer der Bergung: 90 Minuten.

 

Die Situation am Taliagmento

Der Taliagmento im italiensichen Friaul ist einer von nur noch drei Flüssen Europas, die von der Quelle bis zur Mündung naturbelassen und nicht verbaut sind. Das Kiesbett des Flusses ist im Hochsommer mehrere hundert Meter breit und viel Wasser fließt unter der Oberfläche der Kiesbänke.

 

Hier gab es auf den ersten Blick nur Millionen rund geschliffener Steine in tausenden von Farben und Mustern sowie mitgerissene, bleich gefräste Baumstämme. Doch keinerlei Menschenspuren. Erst nach 30 Minuten Suche fand sich sich ein verrostetes Stück Metall. Der ursprüngliche Nutzen war nicht mehr zu erkennen. Auch nach einer Stunde war die Ausbeute nur sehr gering. Und das ist als gute Nachricht zu werten: Zeigte sich doch, wie unbeschädigt und unvermüllt der Taliagmento hier noch ist.

 


Die Spontan-Bergungen – 2015-2019

VERLOCKENDER ZWISCHENSTOPP – eine alte Festung in Ladakh/Indien
VERLOCKENDER ZWISCHENSTOPP – eine alte Festung in Ladakh/Indien

Die Orte: Deutschland / Indien / USA / Irland / Marokko

 

Die Situation

Oft ergeben sich unabhängig von gezielten Begehungen und Bergungen unerwartete Fundsituationen. Beim Unterwegssein im Alltag ebenso wie bei Reisen durch exotisches Ambiente wird der geübte Blick immer wieder auf ungewöhnliche Fundstücke aufmerksam. Nicht immer erlaubt die Situation, diese außergewöhnlichen Stücke zu bergen, doch nach und nach entsteht durch spätere Nachbearbeitungen eine wirkungsvolle Sammlung aus einzelnen Legungen oder Bündelungen.