Sichtungen


Grundsätze

UNZERSTÖRTES STILLLEBEN – im Cottage der irischen Hexe Biddy Early
UNZERSTÖRTES STILLLEBEN – im Cottage der irischen Hexe Biddy Early

Die Gründe, untätig zu bleiben

 

Es gibt zwei Gründe, nur eine Sichtung der Befunde vorzunehmen, aber auf eine Bergung mit anschließender Legung oder Bündelung zu verzichten.

 

Grund 1: Es fehlen die Zeit oder die Erlaubnis, die Gegenstände systematisch und mit der angemessenen Sorgfalt aus der Fundsituation zu bergen. Mit mehr Zeit bzw. einer offiziellen Genehmigung ausgestattet kann eine Bergung zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.Sollte sich beides nicht ergeben, ist die Fundsituation zumindest umfassend dokumentiert.

 

Grund 2: Es gibt Fundorte, denen gegenüber Ehrerbietung oder Hochachtung walten sollte. Orte, die es in ihrem So-Sein zu respektieren und unangetastet zu belassen gilt.

 

Als ein solcher Ort hat sich beispielsweise ein verfallendes Cottage in Irland in der Nähe des Dorfes Feakle im County Clare erwiesen. Das Cottage gilt als das ehemalige Wohnhaus der legendären lokalen Hexe Biddy Early. Weil bei einer Begehung vor sieben Jahren alle Gegenstände unangetastet gelassen wurden, konnte sich das Cottage zu einer Art inoffiziellen Wallfahrtsort entwickeln. Denn spätere Besucher entnahmen ebenfalls nichts von den seltsamen Gegenständen vor Ort mit, sondern, im Gegenteil, sie hinterließen dort eigene kleine Weihegaben. Das Symbolfoto oben zeigt die aktuelle Situation an einem der Fenster des Cottage.

 


Die Kröning-Sichtung – 2015

DEM VERFALL NAHE – ein leer stehender Bauernhof in Niederbayern
DEM VERFALL NAHE – ein leer stehender Bauernhof in Niederbayern

Der Ort: Unterrettenbach / Gemeinde Kröning /  Bayern

 

Die Situation

Nach einem Artikel in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über leer stehende und verfallende Bauernhöfe in Niederbayern wurde eine erste Begehung, Sichtung und Dokumentation bei einer exemplarischen Fundsituation durchgeführt.

 

Alle Gegenstände wurden vorerst im Original-Arrangement belassen. Doch es läuft aktuell die Initiative, mit offizieller Genehmigung und Unterstützung von Heimatpflege und regionler Kulturpolitik, systematisch neo-archäologische Bergungen durchzuführen und Schauräume dafür zu schaffen.

 


Die München-Sichtung – 2018

BEENGTER RAUM – das Klinikum recht der Isar
BEENGTER RAUM – das Klinikum recht der Isar

Der Ort: Klinikum rechts der Isar /  München / Bayern

 

Die Situation

Das Klinikum rechts der Isar weist sehr besondere Eigenheiten auf: Es handelt sich um eine historische Einrichtung mit über 160 Jahren Geschichte. Durch das eng begrenzte innerstädtische Areal im Stadtteil Haidhausen sind dem Wachstum enge Grenzen gesetzt. Erst durch die Schließung einer Straße an der östlichen Begrenzung des Klinikgeländes (= Trogerstraße) war eine weitere Ausdehnung möglich.

 

Allerdings: Hier finden sich als Teile des ehemaligen Wohnviertels alte Bürgerhäuser aus dem frühen 20. Jahrhundert. Besonders interessant ist das Ensemble aus vier Gebäuden an der Trogerstraße mit den Hausnummern 20 bis 26. Diese vier Gebäude bilden für ein konsequentes High-Tech-Wachstum der Klinik ein Hemmnis, denn sie stehen unter Denkmalschutz. Modernisierung kann hier nur durch schleichende Aneignung und im Zuge dessen durch Entfernung des Alten zugunsten des Einbaus von Neuem vollzogen werden.

 

Der Betriebskindergarten im Erdgeschoß des Hauses Nr. 24 etwa wurde nach aufwendigen Umbauten in den Räumen einer ehemaligen Speisegaststätte etabliert. An diese Vergangenheit erinnert heute nur noch die schwere Säule, die mitten im Eingangsbereich des Kindergartens steht und früher das Zentrum des alten, heute ansonsten spurlos und zudem absolut erinnerungslos verschwundenen Schankraums bildete.

 

Dagegen fanden sich bis vor Kurzem auf den Speichern der Häuser Nr. 22 und Nr. 24 noch Hinterlassenschaften von Mietern, die in diesen Häusern 30, 40, ja sogar 50 Jahre zuhause waren.

 

Es wurde der Klinikverwaltung vorgeschlagen, hier eine umfangreiche Bergung zu vollziehen und die Fundstücke neo-archäologisch aufbereitet während der anstehenden Renovierungsarbeiten im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren. Der Vorschlag wurde von der Klinikverwaltung diskutiert, aber zuletzt doch verworfen. Heute ist der zweigeschoßige Speicher des Hauses Nr. 22 bereits entrümplet, entkernt und als Büro neu aufgebaut worden. Alle alten Hinterlassenschaften und ihre Geschichten sind unwiderbringlich verloren und vergessen.